Bericht vom 12. August 2012 – in epd

Brasilien führt soziale und ethnische Quoten beim Hochschulzugang ein

„Es ist eine wegweisende Entscheidung,“ freut sich Rosana Heringer, Professorin der Erziehungswissenschaften an der Bundesuniversität von Rio de Janeiro (UFRJ). Die Etablierung von Quoten nach sozialen und ethnischen Kriterien werde die Ungleichheit im brasilianischen Bildungswesen zwar nicht beenden, aber es sei ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung.

Vergangene Woche (7.8.) stimmte der Senat für den Gesetzesvorschlag, der die Hälfte aller Studienplätze an öffentlichen Bundesuniversitäten für Absolventen öffentlicher Schulen reserviert. Die Quote von 50 Prozent teilt sich wiederum auf zwei Bevölkerungsgruppen: Einerseits Schüler aus sozial schwachen Familien, deren Pro-Kopf-Einkommen unter eineinhalb Mindesteinkommen liegt, das entspricht umgerechnet rund 370,00 Euro monatlich. Andererseits Schüler, die sich als Schwarze, Mulatten oder Indígenas bezeichnen. Diese ethnische Quote wird entsprechend ihren Bevölkerungsanteilen im jeweiligen Bundesstaat berechnet.

Das Parlament hatte dem Gesetzesvorhaben bereits zugestimmt. Sobald Präsidenten Dilma Rousseff die Novelle unterschreibt, tritt das Gesetz in Kraft. Dilma, die dem Vorhaben stets wohlwollen gegenüberstand, wird ihre Entscheidung innerhalb von 30 Tagen bekannt geben.

Über 12 Jahre diskutierte der Kongress über das umstrittene Thema der Quoten. „Es gibt bei diesem Thema viele Vorurteile. Es wird behauptet, dass die Bildungsqualität leiden würde, dass die ‚Quotenstudenten‘ schlechter vorbereitet wären oder gar im Studienalltag diskriminiert würden,“ sagt Heringer, die im Gleichstellungsausschuss der UFRJ aktiv ist. „Doch die Erfahrungen mit Quoten widerlegen diese Befürchtungen: Wer mittels Quote einen Studienplatz bekommen hat, studiert zumeist aktiver, zeigt mehr Motivation und bricht seltener das Studium ab,“ erklärte die Professorin im Gespräch mit EPD.

Rund ein Drittel der gut 350 öffentlichen Hochschulen Brasiliens haben in den vergangenen Jahren bereits Quotensysteme bei der Vergabe der Studienplätze eingeführt. Für die Bundesuniversitäten wurde nun eine einheitliche Regelung geschaffen, die innerhalb von vier Jahren vollständig umgesetzt werden muss.

Nach zehn Jahren soll die Wirkung der Maßnahme überprüft und eventuell angepasst werden. Das Gesetz betrifft jedoch nicht die Auswahlverfahren an privaten Hochschulen, noch die Absolventen von privaten Schulen.

Ziel des Gesetzes ist es, die verbreitete Ungleichheit im Bildungssystem zu demokratisieren. Schüler aus besser gestellten Familien, die sich teure Privatschulen leisten können, haben es oft einfacher, einen Studienplatz zu ergattern. Und obwohl sich über 51 Prozent der Brasilianer als Schwarze, Mulatten oder Indígenas bezeichnen, machen sie zusammen nach Angaben des Statistischen Instituts Brasiliens IGBE weniger als ein Drittel der Studierenden aus.

Die Schwarzenbewegung, die die Forderung nach Quoten als erste auf ihre Fahnen geschrieben hatte, begrüßte das neue Gesetz mit Vorbehalten. „Es ist ein Erfolg, dass neben sozialer Quotierung auch explizit die ethnische Komponente, also die historische Unterdrückung der Schwarzen berücksichtigt wird,“ sagt Vanessa Silva vom Cedenpa, dem Studienzentrum zur Verteidigung der Schwarzen im nördlichen Bundesstaat Pará.

Laut Vanessa Silva muss jedoch rassistisch Benachteiligten auch jenseits der sozialen Frage Priorität eingeräumt werden. „Ein Schwarzer, der über ein Stipendium Zugang zu einer Privatschule bekommen hat, ist jetzt schlechter gestellt, da die neue Quotierung für ihn nicht gilt,“ gibt die Publizisten gegenüber EPD zu bedenken.

Von konservativer Seite wird jede Art der Quotierung jenseits des Leistungsfaktors zumeist abgelehnt. Ethnische wie soziale Auswahlkriterien werden als Ungleichbehandlung kritisiert, die einer Verbesserung des Bildungsniveaus im Wege stünden. Einer Klage den rechten Partei DEM (Democratas) gegen eine ethnische Quote von 20 Prozent an der Bundesuniversität von Brasilia hatte der Oberste Gerichtshof im April dieses Jahren allerdings eine Absage erteilt. Einstimmig erklärten die Richter die Einrichtung von Auswahlquoten für verfassungskonform.

Dennoch drohte der Nationale Verband der Privatschulen Fenep nach der Senatsentscheidung erneut eine Klage vor Gericht an. Der Verband sieht in dem Gesetz eine Benachteiligung der nicht öffentlichen Schulen. „Gleichheit wäre, wenn die Qualität der öffentlichen Schulen befördert wird,“ sagte die Fenep-Vorsitzende Amábile Pacios vor der Presse. Indem Schülern von Privatschulen der Zugang zu den öffentlichen Unis erschwert wird, werde dieser Missstand nicht behoben.

Es stimmt, dass die neue Quotenregelung auch eine Aufwertung des öffentlichen Schulsystems bedeutet. Wer den bevorzugten Kriterien entspricht, hat es auf einer öffentlichen Schule in Zukunft einfacher, nach Abschluss einen Studienplatz zu bekommen. „Es ist ein positiver Nebeneffekt, dass mehr Jugendliche auf öffentliche Schulen gehen werden,“ meint Rosana Heringer. Auf die Dauer würden dann mehr Mittel in diese Schulen fließen. „Und der im Vergleich zu den Privatschulen schlechte Ruf der Öffentlichen wird sich deutlich verbessern,“ hofft die Professorin.