Gedenkstätte für Stefan Zweig
in Brasilien eröffnet

Sieben Jahrzehnte nach seinem Tod ist in Brasilien eine Gedenkstätte für den Schriftsteller Stefan Zweig eingeweiht worden. Die „Casa Stefan Zweig“ soll Museum, Ausstellungsraum und Treffpunkt von Kulturschaffenden werden. Zugleich ist Zweigs früheres Wohnhaus in Petrópolis – rund 80 Kilometer von Rio de Janeiro entfernt – ein Ort der Erinnerung an alle, die aus Europa ins brasilianische Exil flohen.

„Vor knapp acht Jahren haben wir angefangen, es war kein einfaches Unterfangen,“erinnert sich Alberto Dines, Biograf des österreichischen Autors und Präsident der Casa Stefan Zweig. Deutschland und Österreich hätten anfänglich nur eine „symbolische Unterstützung“ angeboten, die brasilianischen Regierung habe bis heute keinerlei Interesse an dem Projekt gezeigt. „So ist es einer kleinen Gruppe Verrückter, allesamt Bewunderer von Stefan und seiner Frau Lotte, zu verdanken, dass dieses Kulturzentrum entstehen konnte,“ so Dines.

Die Räume der Casa Stefan Zweig sind schlicht gestaltet. Weiße Wände, ein neu verlegter Holzfußboden, ein angedeutetes Bücherregal. Textsäulen mit Gedichten und Vitrinen mit Ausstellungsstücken und Kurzfilmen finden sich auf den rund hundert Quadratmetern. So zieht es den Besucher schnell auf die großzügige, überdachte Terrasse, die Zweig selbst immer hervorhob, wenn er Freunden über sein Landhaus im brasilianischen Exil berichtete. Der Blick schweift über die bewaldete Berglandschaft und einen kleinen Fluss am Eingang zur Stadt Petrópolis.

Vom großen Ausstellungsraum gelangt man in das ehemalige Schlafzimmer. Es enthält nur ein Dokument. Eine Kopie – das Original wurde der Nationalbibliothek von Israel vermacht – des Abschiedsbriefs, den Zweig verfasste, bevor er sich mit seiner Ehefrau Lotte am 22. Februar das Leben nahm. Die 21 Zeilen, gewissenhaft formuliert und redigiert, sind eine Hommage an sein Exilland Brasilien.

Den Freitod begründet er mit Heimatlosigkeit, Isolation im geistigen Sinne angesichts eines Krieges, der dem überzeugten Pazifisten des Lebensmut raubte. Viele Freunde und Kollegen zeigten damals wenig Verständnis für diese Entscheidung, zumal die meisten von ihnen ihr Exil – im Gegensatz zu Zweig – ohne materiellen Wohlstand durchstehen mussten.

Über Hundert Gäste fanden sich am 28. Juli zur feierlichen Eröffnung des „Stefan Zweig Hauses“ ein, neben Künstlern, Professoren und Literaturfreunde auch diplomatische Vertreter aus Deutschland, Österreich und Slowenien. Das Haus „erinnert an eine Sommerfrische in den heimischen Alpen,“ fand Hans-Peter Glanzer, Botschafter Österreichs in Brasilien. Er hob die dort entstandenen Werke hervor, unter anderem seine Autobiographie, die postum unter dem Titel „Die Welt von gestern“ erschien, sowie die „Schachnovelle“, die seit den 70-er Jahren ein Dauerbestseller im deutschsprachigen Europa wurde.

Michael Worbs, deutscher Generalkonsul in Rio de Janeiro, nutzte die Gelegenheit, Werbung für das Kulturerhalt-Programms des Auswärtigen Amts zu machen, das Kulturschätze in aller Welt finanziell unterstützt. Auch das „Stefan Zweig Haus“ bekam einen Zuschuss aus diesem Fonds. Stephan Krier, Vorgänger von Worbs im Generalkonsulat, war im Jahr 2006 Teil des Unterstützerkreises des Vereins, der später das Haus kaufte und in eine Gedenkstätte verwandelte.

Biograph Alberto Dines kommentierte das viel diskutierte Werk „Brasilien, ein Land der Zukunft“, von 1941. Schon damals argwöhnten einige, das Loblied auf sein Exilland sei eine Gefälligkeit gegenüber der rechtslastigen populistische Regierung. Später wurde der einprägsame Satz von vielen in Brasilien zitiert. Militärdiktatoren missbrauchten ihn als Motto ihres Treibens, aber auch Ex-Präsident Inácio Lula da Silva baute ihn gerne in seine Zukunftsvisionen ein.

Dines stellte klar, dass es sich bei dem Buch „weder um eine Prophezeiung noch um makroökonomische Vorhersagen handelt, sondern um ein moralisches Projekt“. Es sei nur im Kontext des nazistischen Rassenwahns zu verstehen, dem Zweig ein riesiges Land entgegenstellte, das durch Toleranz und den Respekt gegenüber den anderen zusammengehalten wurde. „Zweig setzte auf Multikulturalismus, bevor das Wort überhaupt erfunden worden war,“ so Alberto Dines.