Bericht vom 21. Juli 2013 – in epd

Tauziehen um die Erschließung des brasilianischen Tiefsee-Erdöls

Brasilien träumt davon, einer der größten Erdölproduzenten weltweit zu werden. Im Jahr 2006 wurden immense Offshore-Ölreserven tief unter dem Meeresboden vor der Küste von Rio de Janeiro entdeckt. Doch die mehrere tausend Meter tiefen Bohrungen sind eine technologische Herausforderung mit großen ökologischen Risiken. Erschwert wird die Suche nach dem Schwarzen Gold noch durch innenpolitischen Streit und den Unwillen der großen Erdöl-Konzerne, sich den brasilianischen Investitionsbedingungen unterzuordnen.

Die Förderung des Tiefsee-Öls, das unter einer Salzschicht versteckt ist und in Brasilien als „Pré-Sal“ bezeichnet wird, liegt in Händen des halbstaatlichen Konzerns Petrobras. Derzeit hat das Erdöl aus dem Pré-Sal einen Anteil von knapp 10 Prozent an der gesamten Fördermenge des Unternehmens von rund 2 Millionen Barrel (159 Liter) täglich. Sollten sich die auf bis zu 100 Milliarden Barral geschätzten Funde im brasilianischen Pré-Sal bestätigen, wäre das südamerikanische Land unter den Top Ten der Erdölproduzenten.

Doch es stellt sich die Frage, ob die Bergung dieses Schatzes angesichts der vielfältigen Gefahren für die Umwelt vertretbar ist. Unfälle, wie sie gerade in Brasilien in den letzten Jahren häufen vorkommen, hätten beim Pré-Sal nach Meinung des Ozeanologen David Lee noch verheerendere Auswirkungen. „Innerhalb der ersten 48 Stunden nach einem Unfall verdampft rund vierzig Prozent des ausgelaufenen Öls und setzt Unmengen CO2 sowie gefährliche chemische Substanzen frei. Da eine Pré-Sal-Bohrinsel mindestens 100 Kilometer von der Küste entfernt liegt und die Bohrung in unzugänglicher Tiefe stattfindet, wären die Folgen eines Unfalls erheblich,“erklärte der Wissenschaftler von der Bundesuniversität in Rio de Janeiro (UFRJ) auf einer Veranstaltung während des People’s Summit der Rio+20.

Auch ohne Unfälle steht außer Frage, dass das aufwendige Unterfangen die Meeresfauna beeinträchtigen wird. Doch weder Umweltfragen noch die Tatsache, dass mehr gefördertes Öl auch mehr klimaschädliche Emissionen verursachen wird, bremsen das Pré-Sal-Fieber. Im Gegenteil: Seit mehreren Jahren streiten die brasilianischen Bundesstaaten darüber, wie die staatlichen Einnahmen aus dem zukunftsträchtigen Ölgeschäft aufgeteilt werden sollen.

Der Zwist um die Förderabgaben (Royalties) – nach geltender Rechtslage streichen die Bundesstaaten an der Atlantikküste, insbesondere Rio de Janeiro, São Paulo und Espírito Santo, den Löwenanteil ein – hat unter anderem zur Folge, dass momentan keine Förderlizenzen für das Tiefsee-Erdöl vergeben werden. Energieminister Edison Lobão bestätigte Anfang Juli anlässlich der Taufe eines Öltankers von Petrobras, dass neue Lizenzen erst nach einer gesetzlichen Regelung des Streits um die Royalties versteigert werden.

Bereits im Jahr 2008 hatte Petrobras erste Probebohrungen in den weniger tief liegenden Pré-Sal-Ölfeldern begonnen. Seit 2010 wird das Öl, wenn auch in kleinen Mengen, regulär gefördert. Die Erschließung der tiefer, teilweise zu bis 8.000 Meter unter dem Meeresspiegel lagernden Ölfelder, ist technisch heute noch nicht machbar.

Nach Angaben von Petrobras soll die Förderung im Pré-Sal ab 2014 steil ansteigen. Der Konzern geht von einem jährlichen Zuwachs der Fördermenge um 6 Prozent aus. Für die kommenden Jahre sieht der jüngste Geschäftsplan von Petrobras Investitionen von über 130 Milliarden US-Dollar vor. Damit will der Konzern auch seine weltweite technologische Führungsposition im Segment Pré-Sal ausbauen.

Ausländische Unternehmen haben es derzeit schwer, sich an dem Geschäft zu beteiligen. Kritisiert wird der fehlende Zugang zu Förderlizenzen sowie ein zu großer Einfluss der Regierung auf die Industriepolitik. Außerdem besteht die brasilianische Regierung auf einer Beteiligung nationaler Unternehmen und Zulieferer beim Bau der Plattformen, wodurch angesichts der harten Währung die Kosten steigen.

Aufgrund der sinkenden Gewinnaussichten hat der US-Ölkonzern Anadarko bereits verkündet, sich aus dem brasilianischen Ölgeschäft zurückzuziehen. Die britischen Zeitung Financial Times berichtete vergangene Woche, dass Anadarko jedoch keine Käufer für seine auf drei Milliarden geschätzten Investitionen findet, und sprach von einem Ende des Run auf das brasilianische Pré-Sal.

Edison Munhoz, Direktor der Erdöl-Gewerkschaft Sindipetro in Rio de Janeiro, teilt diese Ansicht nicht. „Den Konzernen geht es nur um kurzfristige Gewinne aus dem Erdölgeschäft. Wir brauchen eine nachhaltige Vision, damit die Vorräte nicht innerhalb einer Generation aufgebraucht werden,“ sagte Munhoz gegenüber EPD. Die Einnahmen, so der Gewerkschafter, müssten in die Entwicklung alternativer Energieformen und beispielsweise in das mangelhafte Gesundheitswesen investiert werden. „Statt aufs Tempo zu drücken sollten Zeit und Geld in Forschung, hohe Sicherheitsnormen und vernünftige Arbeitsbedingungen investiert werden,“ erklärte der Direktor von Sindipetro.

Unzureichende oder nicht beachtete Sicherheitsstandards in der Erdölbranche haben in Brasilien schon eine ganze Reihe Unfälle verursacht. Erst vergangenen Donnerstag (20. Juli 2012) präsentierte die Nationale Erdölbehörde ANP (Agência Nacional do Petróleo) einen Bericht, in dem das US-Unternehmen Chevron für den jüngsten großen Unfall im November letzten Jahres verantwortlich gemacht wird. Unter anderem hätten die „Missachtung brasilianischer Sicherheitsnormen sowie unternehmensinterner Richtlinien zur Risikovermeidung“ zum Auslaufen von 3.700 Barrel Öl auf einer Plattform 120 Kilometer vor Rio de Janeiro geführt.