Thematisches Sozialforum diskutiert Alternativen für die Konferenz Rio+20

„Das Weltsozialforum entstand hier in Porto Alegre vor 12 Jahren als Antwort auf die neoliberale Arroganz des Weltwirtschaftsforums in Davos,“ sagt Candido Grzybowski, einer der Gründungsväter des wichtigsten Treffpunkts der globalisierungskritischen Bewegung. „Damals behaupteten wir: ‚Eine andere Welt ist möglich‘. Jetzt müssen wir den Weg dahin beschreiten, die Alternativen schaffen.“

Um diesem Vorsatz gerecht zu werden, lädt das südbrasilianische Porto Alegre dieses Mal nicht zu einem Welt-, sondern zu einem Thematischen Sozialforum (FST) ein. Der Forumsprozess hat sich im Laufe der Jahre dezentralisiert, es gibt allerorten regionale Treffen, und nur alle zwei Jahre trifft sich die weltweite Bewegung, zuletzt im Januar 2011 im Senegal.

Das Motto des FST, das am 24. Januar mit einer Auftaktdemonstration beginnen wird, ist so allgemein wie aktuell: „Kapitalistische Krise und Soziale wie Ökologische Gerechtigkeit“. Das Forum ist in erster Linie als inhaltliche Vorbereitung der Zivilgesellschaft für die UN-Konferenz über Nachhaltige Entwicklung und den Peoples Summit Rio+20 geplant, die in Juni in Rio de Janeiro stattfinden werden.

Wie bei allen Sozialforen wird es auch diesmal eine Vielzahl von Veranstaltungen und Seminaren geben, die von unterschiedlichen sozialen Organisationen autonom organisiert werden. Hinzu kommen mehrere Parallelforen, wie das Bildungsforum, das Gesundheitsforum und das Forum Freier Medien.

Mittelpunkt des FST wird jedoch die seit Monaten vorbereitete, koordinierte Diskussion über Transformationsprozesse sein. Dadurch sollen die vielfältigen Themenstränge mit Blick auf Rio+20 gebündelt und in Form von politischen Plattformen, Kampagnen und konkret formulierten Alternativen präsentiert werden. Im Mittelpunkt der Debatten stehen Begriffe wie Öffentliche Güter, Solidarökonomie, digitale Kultur, andere Produktions-und Konsumweisen oder nachhaltige Städte.

Ziel der Diskussion ist, den von der Uno und vielen Regierungen für die Konferenz Rio+20 vorgegebenen Themen sinnvolle und realistische Alternativen entgegenzusetzen. Denn die für Rio geplanten neuen Milleniumsziele für Nachhaltigkeit werden als sinnentleerte Worthülsen kritisiert, und das von der Industrie bejubelte Konzept der Green Economy gilt den meisten Vertretern von sozialen Bewegungen und NRO als plumper Versuch, die ökologische Krise mit ihren Ursachen zu bekämpfen – mit noch mehr Wachstum, mit fragwürdigen Marktmechanismen und mit der kapitalistischen Aneignung öffentlicher Güter wie Wasser, Biodiversität oder von Indüigenas bewohnten Territorien.

Dieser Aussicht sollen Konzepte entgegengestellt werden, die teils lange diskutiert, teils aber auch schon umgesetzt werden. Dazu zählen die ökologische und familiäre Landwirtschaft, Entwürfe solidarischer Ökonomie, das andine Konzept der Mutter Erde, eine an menschlichen Bedürfnissen orientiere Wachstumsphilosophie und eine effektive Kontrolle spekulativer Prozesse.

Darüber hinaus soll der Forumsprozess mit anderen weltweiten Bewegungen wie dem Arabischen Frühling, der Wallstreet-Besetzung oder den streikenden chilenischen Studenten in Bezug gesetzt werden. „Das FST soll ein Treffpunkt der Unzufriedenen und der systemkritischen Bewegungen aus aller Welt sein, die sich im Juni beim Peopoles Summit in Rio de Janeiro wiedertreffen werden,“ schreiben die Organisatoren.

Mittlerweile sind über Tausend Veranstaltungen angekündigt, viele Prominente wie der portugiesische Soziologe Boaventura de Sousa Santos, Emir Sader, Ignacio Ramonet und João Pedro Stédile von der Landlosenbewegung MST werden dabei sein. Auch Brasiliens Präsidentin Dilma Rousseff hat zugesagt, eventuell kommen noch ihre Amtskollegen aus Argentinien, Uruguai und Paraguay.

Doch nicht alle Aktivisten sind vom Fahrplan des Thematischen Sozialforums überzeugt. Viele radikalere Organisationen werden nicht präsent sein, da der Vorbereitungsprozess ihrer Meinung nach nicht transparent war. Zudem kritisieren sie eine zunehmende Nähe zur Regierung, die einen Großteil der Finanzmittel für die gigantischen Infrastruktur bereit stellte. „Das Ganze wirkt immer mehr wie ein Megaevent, wie eine Fußball-WM oder eine Olympiade,“ kritisiert Rodrigo Nunes, der schon bei vielen Sozialforen dabei war. Nunes meint, die wichtigste Frage werde in Porto Alegre nicht gestellt: „Dient das Forum wirklich noch als Raum, in dem sich soziale Bewegungen organisieren?“